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Der Schamane

Autor: Prof. Dr. Christian Scharfetter

Grundgestalt und Verbreitung des Schamanismus
Der Begriff Schamane - in der heutigen kultur√ľbergreifenden (emischen) Bedeutung des Terminus - meint einen in selbstinduzierten besonderen Bewusstseinszust√§nden (Ausseralltagsbewusstsein) wirkenden Helfer der Menschen seiner Gruppe in vielen N√∂ten ihres Lebens. Der Schamane ist Mittler zwischen der gruppengemeinsamen Alltagsrealit√§t, der Diesseitswelt, und der transintelligiblen Anderwelt. Nicht jede Art Heiler ist ein Schamane. Schamanisches Wirken ist nicht auf das Heilen einzuengen.
Auf der Kulturstufe, welche den Schamanen als notwendige Institution hervorbringt, ist alles Diesseitig-Gestalthafte der Alltagsrealität "unterlegt" von transintelligiblen Kräften, Geister genannt. Auch das Gewöhnlich-Alltägliche ist dem Menschen dieser Kosmologie Hierophanie.
Der Schamane ist der (männliche oder weibliche) Spezialist der Beziehung zwischen der Alltagsrealität und der transzendenten Welt, noch vor der Spaltung in profan und heilig-numinos.
Der Schamane ist Träger und Übermittler der Anthropologie, Kosmologie, Religion seiner Sozietät.
Zur Aktualisierung seiner Begabung wird er durch besondere Erfahrungen (Vorzeichen, Träume, Visionen, Krisen gesundheitlicher Art) spontan oder nach eigener Suche gerufen. Nach der Initiation erfolgt die oft jahrelange Lehre.
Je nach Bedarf seiner Mitmenschen stellt der Schamane seine Kr√§fte als vermittelnder Helfer in der Ekstase zur Verf√ľgung. In der schamanischen S√©ance geschieht, wie Findeisen (1) achtungsvoll sagt, eine Setzung, ein In-die-Welt-Setzen von einordnenden, wiederherstellenden Sinnverbindungen zwischen der Menschenwelt und dem au√üermenschlichen, √ľbernat√ľrlichen Geisterbereich.
In diesem Sinne ist der Schamane eine herausragende religi√∂se Wirkgestalt. Er ist wichtigster religi√∂ser Funktionstr√§ger in der archaischen, pr√§sakularisierten Kulturwelt der J√§ger- und Sammlerv√∂lker und der nomadisierenden Viehz√ľchter, Gesellschaften vor der Entstehung von Hochreligionen mit ihren priesterlichen Vermittlern, Propheten und Reformatoren.
Das tungusische Wort Schaman scheint f√ľr die Tungusen ein Fremdwort zu sein. Die Herkunft ist unbestimmt. Vielleicht stammt das Wort aus dem Sanskrit Sramana: der religi√∂se Praktiker der Askese. Von dort k√∂nnte das Wort nach Asien gekommen sein, in das K√∂nigreich Shahn als Samana, nach China als shaman, nach Japan als shamon. (2).
Der Schamane findet sich in der klassischen Grundgestalt bei vielen V√∂lkern des eurasischen Raumes, √§hnliche Funktionstr√§ger gibt es aber auch in Nord- und S√ľdamerika, in Ozeanien, Australien, Afrika. Die lokalen Modifikationen sind zahlreich. Abk√∂mmlinge des Schamanentums, vielfach mit christlicher √úberlagerung, sind auch in den s√§kularisierten Kulturen Europas, Asiens, beider Amerikas aufzusp√ľren. In vielen dieser Kulturen bestehen schamanistische Traditionen weiter: bei den nicht-akademischen Heilern (Medizinmann, Curandero), bei den Priestern, Wahrsagern, Traumkundigen, Orakelk√ľndern, Tempelheilern, Wunderheilern (Siddha in Indien) sowie im Zauberer und in der Hexe. Schamanistische Elemente sind auch noch Bestandteil von Ritualen einiger Hochreligionen, z. B. im Exorzismus, in der Beschw√∂rung, in der Taufe, in den Br√§uchen zur Hochzeit, bei Krankheit und Tod, im Segnen von Vieh und Ernte. Die Lebens- und Sterbensbegleitung, die Sorge f√ľr das Nachtod- und Wiedergeburtsschicksal sind Beispiele daf√ľr im Vajrayana. Tod und Auferstehung Jesu, Transsubstantiation von Brot und Wein in seinen Leib, sein Blut in der Messe sowie eine Reihe von Funktionen des Priesters bei der Taufe, bei Krankheiten, beim Sterben, in Ernte- und Haussegen sind schamanische Elemente im Christentum. Die Kultivierung der Induktion besonderer Bewu√ütseinszust√§nde durch Ges√§nge, Tanz, Rhythmik findet sich z. B. bei den Derwischen der islamischen Mystik.

   
Konstitutive Elemente des Schamanentums
Eliade (3) nannte den Schamanen den "Meister der Ekstase". Der Schamane ist ein Bewu√ütseinskundiger, der sich selbst induziert aus dem Bereich des Alltagsbewu√ütseins in au√üergew√∂hnliche Bewu√ütseinszust√§nde und damit in die Anderwelt begeben kann. Damit wird er erst zu seiner Mittlerfunktion bef√§higt. Der Schamane stellt die Beziehungen zwischen der sichtbaren Welt des Alltagsbewu√ütseins und der unsichtbaren transintelligiblen Kr√§ftewelt her. Damit steuert der Schamane die Beziehungen zwischen der menschlichen und au√üermenschlichen, der sozialen und der asozialen Wirkbereiche. Er ordnet das Verh√§ltnis zwischen der Menschenwelt, der Welt der Tiere, Pflanzen, Steine, der Erde und der Welt der transzendenten Kr√§fte, der Geister. Durch Berufung und Initiation ist er ein Eingeweihter, ein Mystes, ein Kundiger und ein wirkungsm√§chtiger K√ľnder und Vermittler der den Menschen im Alltagsbewu√ütsein unzug√§nglichen, au√üermenschlichen, √ľbernat√ľrlichen Kr√§fte.
Unter den zahlreichen Aufgaben des Schamanen ist das Heilen von Krankheiten eine seiner vornehmsten. Als spiritistischer (das hei√üt mit Geistern umgehender) Heiler wirkt der Schamane neben anderen Tr√§gern von kurativen Funktionen, neben dem Kr√§uterkundigen, dem Knochenspezialisten, den verschiedenen Organspezialisten, neben der Hebamme. Der Schamane vermittelt nicht ichhaft, sondern medial immaterielles, nicht technisches, "geistiges" Heilen. Die Voraussetzung des Heilens ist die Diagnose. Der Schamane hat im besonderen Bewu√ütseinszustand den diagnostischen Durchblick in den Leib des kranken Menschen. Er "wei√ü" dann unmittelbar, was der Kern der Erkrankung ist. Im besonderen Bewu√ütseinszustand der Ekstase geschieht der diagnostische Proze√ü: das Erkennen der Krankheit und ihrer Ursachen als Voraussetzung f√ľr das Finden der rechten therapeutischen Ma√ünahmen. Es sind zwei haupts√§chliche Krankheitsdeutungen des Schamanen zu unterscheiden:
Die meisten physischen Beschwerden k√∂nnen durch das Eindringen b√∂ser Geister erkl√§rt werden. Sie zu erkennen und ihre Macht einzusch√§tzen, ist die Vorbedingung f√ľr ihre Austreibung, Bannung. Gleichzeitig hat der Schamane festzustellen, was seinen Patienten so schw√§chte, da√ü b√∂se Geister eindringen konnten: S√ľnde durch eine Tabuverletzung oder schwarze Magie durch √ľbelwollende Nachbarn, durch schwarze Schamanen, durch Hexer und Zauberer.
Krankheiten mit Bewu√ütseinsst√∂rungen, besonders Bewu√ütseinsverlust, werden meist als Seelenverlust gedeutet: die Seele wurde geraubt, entf√ľhrt. Dann mu√ü der Schamane ihren Aufenthaltsort in der Anderwelt feststellen und sie zur√ľckholen. Dazu unternimmt er in der Ekstase die Reise in diese Anderwelten.
Die schamanischen Heilma√ünahmen sind vielf√§ltig, sie sind im wahrsten Sinne psychophysisch. Ber√ľhrung, Extraktion, Massage, Saugen, magische Chirurgie dienen der Entfernung der materialisierten, aber urspr√ľnglich spirituellen Krankheit. Apotrop√§isches Bespeien, Anhauchen, beschw√∂rende Rufe und bannende Ges√§nge, Erz√§hlungen von der Reise und ihre dramatische Ausgestaltung haben eine rekonstruktive Wirkung. Das ganze Heilritual, das Geborgenheit, F√ľhrung, Sichanvertrauen vermittelt, kann sich √ľber Stunden und Tage erstrecken. Es wird in Begleitung von Angeh√∂rigen vollzogen, vielfach auch der ganzen Gemeinschaft. Dadurch entsteht ein erheblicher gegenseitiger Steigerungsproze√ü der psychophysischen, emotional affektiven und vegetativen Wirkungen.
Neben dem Heilen hat der Schamane noch viele andere Aufgaben. Er induziert die Konzeption bei der Begattung, begleitet komplizierte Geburten und Wochenbett. Er ist gegenw√§rtig bei den Initiationsriten und beim Sterben. Dem Schamanen obliegt die Sorge f√ľr die Verstorbenen, f√ľr die Geister der Ahnen.
Der Schamane ist Opferpriester, der die Geister bes√§nftigt, g√ľnstig stimmt, abwehrt. Er ist der Psychopompos, welcher die Seele geleitet, verlorene Seelen zur√ľckholt. Als Thanatopompos begleitet er die Seelen der Verstorbenen in ihren neuen Aufenthaltsbereich.
In Not und Krieg ist der Schamane Berater.
Der Schamane ist Lehrer und Wahrer der Kosmologie, der Religion, der Mythologie. In jeder Sitzung erneuert er mit der sp√ľrbaren Pr√§senz der Geister die Religion seines Volkes.
Er erm√∂glicht die Einbettung des Menschen in seine nat√ľrliche Umwelt mit ihren Gefahren. Er sorgt f√ľr den Erfolg des Sammelns, des Jagens, des Fischens, f√ľr das Gedeihen der Ernte auf den Feldern und √Ąckern. Er ruft befruchtenden Regen und bannt gef√§hrliche Unwetter und Naturkatastrophen. Er hat Einflu√ü auf die Fruchtbarkeit von Wild und Haustieren.
Durch seine √ľbernat√ľrliche Begabung kann er Verlorenes suchen: Gegenst√§nde, verlaufene Tiere, verirrte Menschen. Er sieht in Vergangenheit und Zukunft, er deutet Tr√§ume und Vorzeichen anderer Art. Durch den Einsatz des Wortes, des Gesangs, der Erz√§hlung, der dramatischen Darstellung ist der Schamane S√§nger, Musiker, Dichter. In der Herstellung seiner Ausr√ľstung ist er Handwerker, der um die spirituell-numinose Bedeutung alles blo√ü scheinbar Materiellen wei√ü. In der Eintragung der bedeutungsvollen Zeichen und Gegenst√§nde ist er bildender K√ľnstler (4).

Berufung oder Wahl

Zum Schamanen kann eine Frau oder ein Mann irgendwann im Leben spontan berufen werden, sogar gegen den eigenen Willen. Manchmal wird diese Aufgabe auch aktiv gesucht. Oder die Familie, der Stamm tr√§gt den Wunsch an ein Mitglied heran, es m√∂ge sich f√ľr eine solche Funktion bereit finden. Auch k√∂nnen √§ltere Schamanen, die ihre Kraft schwinden f√ľhlen, ein Mitglied ihrer Gruppe als Nachfolger erw√§hlen.
Manchmal sind es besondere Vorzeichen in der Schwangerschaft der Mutter und bei der Geburt, durch welche die Berufung angezeigt wird. Bei anderen sind es Träume und Visionen in spontan auftretenden besonderen Bewußtseinszuständen. Häufig sind es besondere Krisen, Leiden, Nöte, Krankheiten, welche den zum Schamanen berufenen Menschen auf diesen Weg zwingen. Frauen können oft spät, nach der Menopause, Schamaninnen werden.

Einweihung, Initiation
In der Einweihung erfolgt das Eigentliche und Wesentliche der schamanischen Bef√§higung: die √úbertragung der Kraft. Diese Kraft, diese Macht erm√∂glicht es dem Schamanen, Diener der au√üermenschlichen, √ľbernat√ľrlichen M√§chte zu sein und gleichzeitig auch als menschlicher Vertreter der Sozialgruppe wirkm√§chtig diesen au√üermenschlichen Kr√§ften gegen√ľberzutreten. Die "Possession" des Schamanen hat eine doppelte Bedeutung: Aktiv-transitiv bedeutet sie Macht. Der Schamane hat Einflu√ü auf und Gewalt √ľber die Geister, er kann sie beherrschen, lenken, herbeiholen, bannen. Im passiv-intransitiven Sinn bedeutet Possession, da√ü der Schamane mit seinem bewu√üten ichhaften Willen zur√ľcktritt, seine Seele auf die Reise schickt, aus dem K√∂rper austritt und diesen K√∂rper als Wirkst√§tte von Geister-Kr√§ften zur Verf√ľgung stellt. Dann ist der Schamane zwar noch in seiner leiblichen Physiognomie da, ist aber ein anderer geworden: Metamorphose (5), Transsubstantiation (6). Der Schamane hat dann die Geister impersoniert.
Die √úbertragung der Kraft in der Initiation geschieht (wie die Berufung, von der sie sich nicht immer klar unterscheiden l√§√üt) in Traum und Visionen, in Naturereignissen (7), in spontanen oder provozierten Ekstasen oder in der sogenannten Initiationskrankheit. Die sogenannte Schamanenkrankheit ist als Zuschreibung eurozentrischer Beobachter und ihrer √ľbereilten Pathologisierungsneigung erkannt worden (8). Die Initiationskrankheit folgt bei aller Vielfalt der √§u√üeren Erscheinung einem Grundmuster von Zerst√ľckelung und Wiederherstellung, von Untergang und Selbstheilung. Darin ist das Prinzip von Untergang als Voraussetzung der Erneuerung und Wandlung. Es findet sich in verschiedensten Grenzsituationen, in Initiation und Krise, in toxischen und reaktiven und auch in sogenannten schizophrenen Desintegrationszust√§nden. Die initiale "Krankheit" ist nicht √ľberall bekannt, aber wo sie vorkommt, wird sie als besondere Krankheit unterschieden. Die Symptomaufz√§hlung allein gen√ľgt f√ľr eine Differenzierung nicht.
Solche Krankheitszust√§nde k√∂nnen sich √ľber Jahre erstrecken. Der Beistand anderer Schamanen und das eigene Schamanisieren sind wichtig f√ľr das Bestehen dieser Krise. Fehlen sie, so droht das Abgleiten in eine "gew√∂hnliche" Krankheit. Wenn der Initiant die sogenannte Schamanenkrankheit besteht, von der Bewu√ütseinsreise in die Anderwelten zur√ľckkehrt in die Alltagswelt seiner Gemeinschaft, so ist er ein Gewandelter, er besitzt Macht √ľber die Geisterwelt oder kann sich auch als Wirkst√§tte hilfreicher Geister zur Verf√ľgung stellen. Er hat in der Wiederherstellung "neue Augen" eingesetzt erhalten (9). Er vermag mehr und anders zu sehen als gew√∂hnliche Menschen.

Lehre
Nach seiner Wahl oder Berufung und nach der √úbertragung der Kraft in der Initiation kommt die oft jahrelange Lehrzeit bei einem √§lteren Schamanen. In dieser Lehrzeit lernt der neue Schamane die Selbstinduktion verschiedener Bewu√ütseinszust√§nde, das Sich-Hineinversetzen in die Ekstase und die R√ľckkehr aus dem ver√§nderten Bewu√ütseinszustand. Er lernt den Umgang mit den Hilfsmitteln zum Schamanisieren, seinen Berufsinstrumenten, seiner Ausr√ľstung. Er lernt Mythologie, Kosmologie, Anthropologie, die Seelenlehre (10), die Geschichte, die Tradition und Ethik seines Volkes. Er wird zum Geschichts- und Geschichtenerz√§hler, zum Epiker, zum Lehrer, Berater, geistlichen F√ľhrer seines Volkes.  

Die besonderen Bewußtseinszustände

Der besondere Bewußtseinszustand des Schamanen wird als Trance, Ekstase, Possession, auch als dissoziierter Bewußtseinszustand bezeichnet (11). Besonders die Bezeichnung "dissoziierter Zustand" weist auf die wichtige Beobachtung hin, daß Realitätsbewußtsein und Selbstkontrolle teilweise auch in der Ekstase erhalten sind, daß der Schamane als "Meister der Ekstase" im Sinne von Eliade wechseln kann zwischen verschiedenen Bewußtseinszuständen.
Die moderne Bewu√ütseinsforschung (12) hilft, die Techniken der Induktion von besonderen Bewu√ütseinszust√§nden durch das Zusammenwirken von pharmakologischen und nichtpharmakologischen Induktionsmethoden zu ordnen. Von den Pharmaka sind es vor allem die verschiedenen Halluzinogene, bei deren Entdeckung, Gewinnung, Zubereitung und Anwendung die Menschheit bedeutende Kreativit√§t bewiesen hat. Im asiatischen Raum spielt auch Alkohol eine Rolle, im s√ľdamerikanischen Raum gr√ľner Tabaksaft. Zu den nichtpharmakologischen Methoden der Induktion von ver√§nderten Bewu√ütseinszust√§nden geh√∂ren Bewegung und Gesang, rhythmisch und exzitatorisch eingesetzt. Dazu kommen Atemtechniken, vor allem √úberatmung, Fumigation, Fasten, k√∂rperliche Ersch√∂pfung, Torturen, andererseits auch Isolation, Monotonie des Rhythmus in Musik, mit der Trommel und Rassel, durch Singen und Tanz.
Ver√§nderter Bewu√ütseinszustand bedeutet Erfahrung einer anderen Welt au√üerhalb des Alltagsbewu√ütseins mit seiner kontinuierlichen nicht umkehrbaren Zeit und dem dreidimensionalen Weltraum. Die logischen Gesetze des mittleren Tageswachbewu√ütseins, das Sichausschlie√üen von Gegens√§tzen und die Stabilit√§t von Identit√§ten gelten in dieser Anderwelt nicht. Da ist kein stabiles Ich mehr. Selbst die Erfahrungen der verschiedenen Sinne flie√üen ineinander, wie auch Wahrnehmung, innere Schau, Vorstellung, F√ľhlen, Ahnen, Zukunfts- und Vergangenheitsschau ineinander √ľbergehen k√∂nnen. In dieser Anderwelt der ver√§nderten Bewu√ütseinszust√§nde schlie√üt der Tod das Leben nicht aus, vorgeburtliche Existenz geht in nachgeburtliche √ľber. Innen und au√üen sind nicht mehr geschieden. Gestalten sind vertauschbar in der st√§ndigen Metamorphose animistischen Kr√§ftespiels. Das aus der Perspektive des Alltagsbewu√ütseins historisch Ungleichzeitige kann dem Menschen im ver√§nderten Wachbewu√ütsein gleichzeitig erscheinen. - Solcherart ist die andere Wirklichkeit, erfahren im Au√üeralltagsbewu√ütsein.


Die funktionelle Bedeutung der ver√§nderten Bewu√ütseinszust√§nde beim Schamanisieren ist klar. Im ver√§nderten Bewu√ütseinszustand n√§mlich ist dem Schamanen das Erkennen (die Diagnose) und das Handeln (die Therapie) m√∂glich. In dem besonderen Bewu√ütseinszustand der Ekstase geschieht auch die wichtige schamanische Reise. In der Ekstase geht die als vom Leib unabh√§ngig gedachte Seele weg (es ist nur eine von vielen Seelen), der Leib bleibt anwesend. Die Seele kann entweder auf Reisen gehen in die Anderwelt, oder der zur√ľckgebliebene entseelte Leib kann zur Wirkst√§tte des Schutzgeistes werden. Ist letzteres der Fall, steht der Leib des Schamanen medial zur Verf√ľgung. Das sind zwei Hauptvorg√§nge in der schamanischen Ekstase: die extrakorporierte Seele geht auf die Reise, um sich der verlorenen Seele des Patienten zu bem√§chtigen. Oder der Schamane impersoniert im "entseelten" Zustand den Schutzgeist und die Hilfsgeister. Es sind mehrere Stufen, sozusagen Tiefendimensionen der Trance zu unterscheiden (13). Der Schamane beginnt mit oft stundenlangem Trommeln, Singen, Tanzen, Springen, Anrufen der Geister und inszeniert dabei imagin√§re, verbale und averbale dramatische Darstellungen des Geschehens auf seiner Seelenreise. Schlie√ülich erreicht er einen "wilden", ekstatischen, agitierten H√∂hepunkt der Trance. Diese kann manchmal mit Zust√§nden der Bewegungslosigkeit und Starre enden. Die Tiefe der Trance kann w√§hrend der Session mehrmals wechseln.

Der Schutzgeist und die Hilfsgeister
Der pers√∂nliche Schutzgeist des Schamanen ist sein wichtigster Helfer. Er wird in der Inititation "gefunden", entdeckt, erworben. Oft ist es der Geist der schamanischen Vorg√§nger, deren Funktion der Initiant zu √ľbernehmen hat. Entsprechend der Kulturstufe der J√§ger und Sammler und der nomadisierenden Tierz√ľchter tritt der Schutzgeist h√§ufig als Tier in Erscheinung. Er nimmt die Gestalt der Tiermutter an. Die Tiermutter des Schamanen zieht diesen auf, verschlingt seine Seele und gebiert sie wieder als Tier: das ist die Geburt des Schutzgeistes. Die Tiermutter ist die Verk√∂rperung der schamanischen Kraft. In dieser totemistischen Verbindung von Tier und Mensch als Einheit ist der Quell der schamanischen Kraft. Menschliche und tierische Lebewesen bilden eine Sippe, sind miteinander verwandt, k√∂nnen sich ineinander verwandeln (14). Hilfsgeister, auch vielfach in Tiergestalt, k√∂nnen je nach Bedarf vom Schamanen und seinem Schutzgeist zugezogen werden. Sie k√∂nnen als Sendboten und als Kampfgef√§hrten wirken.

Rituale

In der schamanischen S√©ance wird durch Wort, Gesang, Tanz jeweils neu improvisiert und inszeniert, was f√ľr Erfahrungen die Reise des Schamanen in die Anderwelt bringt. Der Tanz der Schamanen enth√§lt zwei Elemente. Zum einen wird in der rhythmischen und exzitatorisch sich steigernden Bewegung die Selbstinduktion der Ekstase vorbereitet, gleichzeitig enth√§lt der Tanz in pantomimischer Darstellung imitative Elemente, z. B. des Vogelfluges, Rittes, Kampfes. In der dramatischen Darstellung inszeniert der Schamane die Reise, er zeigt die R√§ume, durch die die Reise f√ľhrt, die Gefahren, die K√§mpfe, die zu bestehen sind, schlie√ülich das Ziel der Reise, das Finden, Gewinnen, Mitnehmen, das Zur√ľckbringen der verlorenen Seele, die Vertreibung √ľbelwollender Geister, die Befriedung, Vers√∂hnung, Restitution.
  
Ausr√ľstung des Schamanen
Der Schamane hat meistens eine besondere Ausr√ľstung. Das wichtigste davon sind seine Kleidung und seine Trommel (oder ein anderes Instrument zur Erzeugung rhythmischer Ger√§usche, z. B. eine Rassel).
Die Tracht stimmt zwar im allgemeinen in der Grundstruktur mit der lokalen Kleidung √ľberein, kann bei manchen asiatischen und nordamerikanischen V√∂lkern aber auch transvestitische Elemente aufweisen. Die Kleidungsst√ľcke m√ľssen aus dem Fell oder Leder besonderer Tiere und mit besonderen Instrumenten hergestellt werden. Zum Teil werden auch mehrere Kleidungsst√ľcke, je nach Oberwelt- und Unterweltfahrt ben√∂tigt. Die Kleidung kann mit Farben geometrisch, mit Figuren von Tieren, Sonne, Mond, Sternen bemalt sein. Sie kann behangen sein mit Glocken, Schellen, Fransen, Metallst√ľcken, mit Ketten, Masken (Darstellung des Schutzgeistes). An Handschuhen und Stiefeln l√§√üt die Bemalung ihre Symbolik als Tierbeine erkennen (15). Auf dem Kopf tr√§gt der Schamane eine besondere Kappe, einen Helm, ein geweihartiges Metallgebilde, Federn. Die Kleidung des Schamanen repr√§sentiert semantisch die Verbindung des Schamanen mit der Geisterwelt.
Zahlreich sind die Instrumente, die der Schamane f√ľr seine T√§tigkeit braucht: Schale, Seil, Teile von Tieren, Kerzen und Musikinstrumente (Trommel, Rassel, Saiteninstrumente, Glocke, Schelle). Manchmal hat er auch noch Werkzeug f√ľr Tieropfer zur Hand.
Das bedeutendste Instrument des Schamanen ist seine Trommel. Sie ist das Medium seiner Reise. Sie wird zum Reittier, zum Pferd, Vogel, Rentier. Die Trommel ist Repräsentant des Schutzgeistes und materialisierter Träger der schamanischen Macht. Die Herstellung und Belebung der Trommel ist ein bedeutender Abschnitt im Werdegang des Schamanen. Das Suchen des geeigneten Baumes (oft Birke oder Lärche), das Gewinnen des Holzes, ohne den Baum dabei zu abzutöten, das Zurichten der Trommelform (rund, eiförmig, oval), das Bespannen mit dem Fell eines bestimmten Tieres sind aufwendige heilige Akte. In der Weihe der Trommel gewinnt diese ihre machtvolle Seele, ihr eigentliches unfaßbares Wesen (16).
Zum Flug in die Anderwelt gehört die räumliche Erhöhung: ein Pfahl, ein Baum, eine Leiter, eine Plattform können dazu dienlich sein.

Kosmologie, Ethik, Anthropologie
Der Kosmos ist im Ideogramm der Menschen dieser Kultur dreigeteilt: Erdenwelt, √úberwelt und Unterwelt. Der Baum, der Pfahl, auch der Flu√ü verbindet als 'axis mundi' die drei Welten. Der sichtbaren Diesseitswelt ist eine energetisch-animistische transintelligible Welt zugeh√∂rig. Der Schamane kann sie sehen und beeinflu√üen. Der Mensch ist dem Ganzen verbunden, ist systematisch eingebunden in das Ganze des Kosmos. Diese Einbindung bedeutet Eingeordnetsein und Aufgehobensein genauso wie Verpflichtung oder R√ľcksichtnahme auf die Geisterwelt. Es ist eine √∂kologisch-systemische Ethik. Der Mensch hat darauf zu achten, die Geister, die Herren der Tiere und Pflanzen, des Flu√ües, des Sees, der Berge, des Wetters nicht zu kr√§nken. So hat er z. B. auf der Jagd oder auf dem Fischfang im Beutegewinn Ma√ü zu halten und hat dem Herrn der betreffenden Tierart Opfer darzubringen. Die Knochen des erlegten oder des geopferten Tieres sind sorgsam aufzubewahren. Aus ihnen konstituiert sich neu das Leben. Die Knochen repr√§sentieren die Kontinuit√§t der Sippe des Lebendigen. Im Gegensatz zur kultischen Religiosit√§t mit ihrer Trennung von Natur und Numen, mit ihrer Vorstellung von einer organischen chronologischen Kontinuit√§t des Lebens, von der Urzeit der Sch√∂pfung √ľber die Gegenwart zur Zukunft, gibt es auf dieser Stufe der magischen Religiosit√§t keine Trennung von Natur-, Mensch- und Geisterwelt. Das Numinose ist in der ubiquit√§ren Hierophanie allgegenw√§rtig. Es gibt hier nicht das Bild vom unwiderruflichen linearen Zeitablauf des Weltgeschehens. Leben und Wiedergeborenwerden, Auferstehung, Zerst√ľckelung und Wiederherstellung, Krankheit und Gesundheit stehen in einem anderen, zyklisch-uroborischen Zusammenhang als in der Sicht der rationalistisch-aufgekl√§rten Kultur, in der das Weltbild des Alltagsbewu√ütseins dominiert.

 Der K√∂rper des Menschen, sein Skelett, enth√§lt die Elemente der Welt, geschwisterlich allem Lebendigen verbunden und auch in alles verwandelbar. Seine 'vis vitalis', das was ihn lebendig macht, ist seine K√∂rperseele. Neben der K√∂rperseele gibt es noch mehrere andere Seelen. Diese k√∂nnen den Leib verlassen, ohne da√ü dieser deshalb absterben mu√ü. Diese "Freiseele" verl√§√üt den Leib des Schamanen in der Ekstase. Sie ist es, die auf Reisen geht. Die Freiseele des Schamanen kann sich verwandeln in andere Wesen, meist Tiere. Bei manchen sibirischen Schamanen beginnt die Lehrzeit schon vorgeburtlich. Der noch nicht geborene Schamane sieht vom Baum oder Berg aus die Krankheitsgeister und ihre Wege. Er wird von den schamanischen Vorfahren zerst√ľckelt, sein Fleisch (der weibliche Anteil) und seine Knochen (der m√§nnliche Anteil und der Garant der Sippenkontinuit√§t) werden an die Krankheitsgeister verteilt. Der zuk√ľnftige Schamane kann nur die Krankheiten heilen, deren Geister von seinem zerst√ľckelten K√∂rper gegessen haben. Die Skelettierung setzt die Seele frei, in andere Welten zu gehen. Die Knochen werden dann wieder zusammengesetzt und mit Fleisch von Verwandten belebt. Das garantiert die Kontinuit√§t des schamanischen Wissens um die Macht in der Sippe (17).

Soziale Position
Der Schamane wird aufgrund seiner Macht gebraucht, verehrt, aber auch mit Scheu betrachtet. Er ist eine ambivalente Gestalt, unentbehrlich und zugleich gef√ľrchtet. Durch seine paranormalen F√§higkeiten ist er eine marginale Gestalt, anders als die weltliche Zentralfigur des Stammesh√§uptlings und anders als in den Hochreligionen der Priester als religi√∂ser Funktionstr√§ger.

Typen von Schamanen
Die Ethnologie hat zahlreiche lokale Variationen des Schamanen aufgezeigt (18). Es gibt spontanes und intendiertes, sporadisches und familiäres Schamanentum. Es gibt große, mächtige und kleine, wenig befähigte Schamanen. Es gibt weiße Schamanen von hohem karitativem Ethos und schwarze Schamanen, die Böses wirken. Männer und Frauen können Schamanen werden. Bei beiden ist Transvestismus und partieller Transsexualismus bekannt, teils nur während des Schamanisierens, teils als dauerndes Verhalten (auch Ehe mit Menschen gleichen biologischen Geschlechts) (19)

Respekt vor dem echten Schamanen
In der heutigen Welt sind an manchen Orten noch Reste einstigen Schamanentums nachweisbar. Schamanismus ist ein Komplex bestimmter konstitutiver Elemente, ein Syndrom, dessen Komponenten in verschiedenem kulturellen und religiösen Kontext auftauchen können (20).

Die Achtung vor dem Funktionstr√§ger Schamane, welcher sogar in der heutigen, globalisierten, multikulturellen, kreolisierten Welt noch √ľberlebt und nach den Bed√ľrfnissen seiner Soziet√§t wirkt (21), sollte uns bewahren vor den Verf√ľhrungen der Verf√§lschung und des Mi√übrauchs. Die Idealisierung des Schamanen (oft die Vorstufe zur plakativ-werbetr√§chtigen Selbstattribution durch postmoderne und New-Age-Heiler oder zum touristischen Werbegebrauch) ist ebenso verfehlt wie die Entwertung als primitiv, archaisch oder gar die Pathologisierung des Schamanentums, besonders des Weges zum Schamanen.
    
Literatur

1) Findeisen, H. & Gehrts, H.: Die Schamanen. 2. Aufl. Köln 1983, S. 13.
2) Lewis, I. M.: What is a Shaman? In: Hoppál, M.(Ed.). Shamanism in Eurasia. Göttingen 1984, S. 5.
3) Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt/M. 1975, S. 14.
4) Lommel, A.: Schamanen und Medizinm√§nner. M√ľnchen 1965.
5) Califano, M.: El chamanismo mataco. In: Scripta Ethnologica 3 (1975): 7-60.
6) Larraya, F. P.: Lo irracion√°l en la cultura. Buenos Aires 1982, Vol. II, p. 312.
7) Baer, G.. Ein besonderes Merkmal des s√ľdamerikanischen Schamanen. In: Zeitschrift f√ľr Ethnologie 94 (1969): 284-292.
8) Ackerknecht, E.. Psychopathology, Primitive Medicine and Primitive culture. In: Bulletin of the History of Medicine 14 (1943): 30-67.
9) Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt/M. 1975, S. 519.
10) Hultkrantz, A.: Ecological and Phenomenological Aspects of Shamanism. In: Diószegi, V./ Hoppál, M. (eds.): Shamanism in Siberia. Budapest 1978, 27-58.
11) Lewis, I. M.: Ecstatic Religion. Harmondsworth 1971, p. 18.
12) Dittrich, A. & Scharfetter, C. (Hrsg.): Ethnopsychotherapie. Stuttgart 1987; Price-Williams, D.: Shamanism and altered states of consciousness. In: Anthropology of Consciousness 5 (1994): 1-15.
13) Hultkrantz, A.: Ecological and Phenomenological Aspects of Shamanism. In: Diószegi, V./ Hoppál, M. (eds.): Shamanism in Siberia. Budapest 1978, 27-58.
14) Friedrich, A. & Buddruss, G.: Schamanengeschichten aus Sibirien. 2. Aufl. Berlin 1987, S. 45-78.
15) Graceva, G. N.: A Nganasan Shaman Costume. In: Diószegi, V. & Hoppál, M. (eds.). Shamanism in Siberia. Budapest 1978, S. 315.
16) Friedrich, A. & Buddruss, G.: Schamanengeschichten aus Sibirien. 2. Aufl. Berlin 1987, S. 71-88.
17) Friedrich, A. & Buddruss, G.: Schamanengeschichten aus Sibirien. 2. Aufl. Berlin 1987, S. 27-30.
18) Hultkrantz, A.: Ecological and Phenomenological Aspects of Shamanism. In: Diószegi, V./ Hoppál, M. (eds.): Shamanism in Siberia. Budapest 1978, p. 54.
19) Findeisen, H. & Gehrts, H.: Die Schamanen. 2. Aufl. Köln 1983, S. 140; Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt/M. 1975, S. 248; Nioradze, G.: Der Schamanismus bei den sibirischen Völkern. Stuttgart 1925, S. 58.
20) Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt/M. 1975, S. 360; Halifax, J.: Die andere Wirklichkeit der Schamanen. Bern 1981; Halifax, J.: Schamanen. Frankfurt/M. 1983; Lommel, A.: Schamanen und Medizinm√§nner. M√ľnchen 1965; Nicholson, S. (ed.): Shamanism. Wheaton, ILL. 1987.
21) Nicholson, S. (ed.): Shamanism. Wheaton, ILL 1987.

ALS FUSSNOTE: Dieser Artikel enth√§lt Abschnitte aus meinem Aufsatz: "Der Schamane - das Urbild des Heilenden". (In: K. Hauck (Hrsg.). 1992. Der historische Horizont der G√∂tterbild-Amulette aus der √úbergangsepoche von der Sp√§tantike zum Fr√ľhmittelalter. G√∂ttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, 422-432.)