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Veränderte Bewußtseinszustände als Lernprozess

Der Lehrer P.D. Ouspensky, sein Konzept der Bewußtseins-
zustände und seine Methode des "Selbst-erinnerns"


Von Dipl. Psych. Birgit Permantier


Das fehlende Bewußtsein: Der Mensch als Maschine?
Der Psychologe und Esoteriker Peter D. Ouspensky wurde 1878 in Moskau geboren und starb 1947 in London. Er besch√§ftigte sich zeitlebens mit philosophischen und psychologischen Fragestellungen, die um die M√∂glichkeit einer "wahren" Erkenntnis von Wirklichkeit kreisten. W√§hrenddessen entwickelte er ein System der Bewu√ütseinserweiterung, das er als "Selbsterinnerung", sp√§ter auch als "vierten Weg", bezeichnet hat. Ouspensky wurde stark von Georg Gurdjieff, einem sufischen Eingeweihten, dem er um 1915 begegnete, beeinflu√üt. Beide entwickelten ein psychologisches System, das dem Menschen die Erlangung h√∂herer Bewu√ütseinsformen erm√∂glichen sollte. Da√ü dieses System durch etliche Ver√∂ffentlichungen eine schriftliche Fixierung fand, ist ein Widerspruch zur sonstigen sufischen Lehrt√§tigkeit. So wurde Gurdjiefs Lehre von dessen Lehrern als mit seinem Tode hinf√§llig bezeichnet. Es k√§me f√ľr den Suchenden darauf an, einen lebendigen Kontakt mit der Lehre herzustellen und sich einen lebenden Lehrer zu suchen. Gleichwohl d√ľrfte ein Einblick in diese bereits "tote¬ď Lehre f√ľr jemanden, der √ľber keinen Kontakt mit der lebendigen Lehre verf√ľgt, von Interesse sein, da sie Ideen enth√§lt, die in dieser Radikalit√§t selten formuliert wurden. Von daher sollen hier einige Grundz√ľge der Lehre Ouspenskys skizziert werden.
Eine von Ouspenskys Grundannahmen ist, da√ü der Mensch, so wie wir ihn kennen, ein "nichtvollendetes Wesen" ist (Ouspensky 1988, S.12). "Die Natur entwickelt ihn nur bis zu einem gewissen Grad, dann √ľberl√§√üt sie ihn sich selbst, damit er seine Entwicklung durch eigene Bem√ľhung und Initiative fortsetzt, oder lebt und stirbt wie er geboren wurde" (ebd. S.12). Ouspensky unternimmt eine Unterscheidung psychologischer Systeme, die f√ľr ihn durch zwei Hauptkategorien gekennzeichnet sind. In die erste Kategorie f√§llt die gesamte wissenschaftliche Psychologie seiner Zeit, die sich darum bem√ľht, den Menschen zu studieren, "so wie er ist - so wie sie ihn antreffen - oder so wie sie annehmen oder sich einbilden, da√ü er sei." (ebd.S.11)
In die zweite Kategorie fallen Systeme, die den Menschen im Hinblick darauf studieren, was er werden kann. Also Systeme, die den Menschen vom Standpunkt seiner "m√∂glichen Evolution" Ouspensky betrachten. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wird diese ¬ĄPsychologie der potentiellen Evolution des Menschen¬ď (Ouspensky) durch die humanistische Psychologie vertreten (Lit.1978).
In seinem letzten Werk "Der vierte Weg" wird ein solches System als Quintessenz seines Lebenswerkes dargelegt. Der "Vierte Weg" bezeichnet einen Weg der Erkenntnis, der neben dem ersten Weg (dem des Fakirs, der zu h√∂heren Bewu√ütseinsstufen gelangt, indem er lernt seine k√∂rperlichen Funktionen zu kontrollieren), dem zweiten Weg (dem des M√∂nchs, der versucht, √ľber den Glauben und Entsagungen h√∂here Wahrheiten zu erlangen) und dem dritten Weg (dem des Yogis, dem Weg des "Wissens und des Bewu√ütseins") mehr als eine Synthese dieser drei Wege bezeichnen soll. (Ouspensky 1983, S.112).
Der vierte Weg unterscheidet sich von den anderen Wegen vor allem dadurch, da√ü nichts √Ąu√üeres aufgegeben werden mu√ü, ¬Ą ... denn die ganze Arbeit findet innerlich statt" (ebd. S.113). Ein wichtiges Merkmal dieses Weges ist, da√ü der Mensch, der ihn beschreiten will, nichts glauben mu√ü. Er soll alles anhand eigener Erfahrungen √ľberpr√ľfen; und erst dann glauben, wenn er zutiefst davon √ľberzeugt ist, da√ü etwas der Wahrheit entspricht. Aus diesem Grund ist es - so Ouspensky - erforderlich, zu einer speziellen Form der Selbstbeobachtung anzusetzen. Dies kann und soll in jeder konkreten Situation, in der der sich der lernwillige Mensch aktuell befindet, beginnen. Als Ergebnis der angefangenen Beobachtung stellt sich nach seiner Erfahrung zuerst folgende bedeutende Erkenntnis ein: "Der Mensch ist eine Maschine. Er hat keine unabh√§ngigen Bewegungen, weder √§u√üerlich noch innerlich. Er ist eine Maschine, angetrieben von √§u√üeren Einfl√ľssen und von √§u√üeren Anst√∂√üen. Von sich aus ist er nur ein Automat mit einer gewissen Ansammlung von Erinnerungen vergangener Erfahrungen und mit einer gewissen Menge von Energie ... " (Ouspensky 1988, S.17).
Ouspensky bringt diese schroff wirkende Beschreibung, um seine Zuh√∂rer von Illusionen √ľber ihren Zustand zu befreien. Erst wenn man zu erkennen bereit ist, da√ü fast alle inneren Vorg√§nge automatisch ablaufen und erkennt, da√ü der Mensch auf die meisten seiner inneren Vorg√§nge (sei es nun Denken, F√ľhlen, Tagtr√§umen oder Tr√§umen) keinerlei bewu√üten Einflu√ü hat und sich dieser schmerzlichen Wahrheit bewu√üt wird, kann eine Entwicklung m√∂glich werden. Wesentlich ist es zu erkennen, da√ü die subjektive Einheitlichkeit der Ansammlung von Vorstellungen, Vorannahmen und Modellen, die unser Inneres auszumachen scheinen, eine Illusion ist. Drei Faktoren sind es die im Menschen die Illusion einer Einheit und Ganzheit schaffen: Erstens die Empfindung seines physischen K√∂rpers, zweitens sein feststehender Name und drittens ein Anzahl von mechanischen Gewohnheiten, die durch Erziehung in ihn eingepflanzt und durch Nachahmung erworben werden. "Vor allem soll der Mensch wissen, da√ü er nicht eine Einheit ist - er ist eine Vielheit ... Dadurch, da√ü er stets die gleichen physischen Empfindungen hat, sich immer beim gleichen Namen rufen h√∂rt und sich in Gewohnheiten und Neigungen wiederfindet, die er immer gekannt hat, bildet er sich ein, stets derselbe zu sein. In Wirklichkeit ist keine Einheit im Menschen, es gibt weder ein alleiniges Befehlszentrum noch ein bleibendes ¬ĄIch¬ď oder Ego. ... Alle Gedanken, jedes Gef√ľhl, jede Empfindung, jeder Wunsch, jedes ¬Ąich mag¬ď oder ¬Ąich mag nicht¬ď ist ein ¬ĄIch¬ď. Diese ¬ĄIchs¬ď sind untereinander nicht verbunden noch irgendwie koordiniert ... Einige ¬ĄIchs¬ď folgen anderen ganz mechanisch, einige erscheinen immer von anderen begleitet, aber darin liegt weder Ordnung noch System" (ebd. S.18).
Ouspensky zufolge besitzt der Mensch aufgrund seiner Uneinheitlichkeit keine F√§higkeit zum Tun, keine Individualit√§t, keine Einheit, kein bleibendes Ich, kein Bewu√ütsein und keinen eigentlichen Willen. Doch nur wenn er dies wirklich erkenne, werde er Anstrengungen unternehmen, diese F√§higkeiten zu erwerben. Die meisten Menschen allerdings bildeten sich ein, diese F√§higkeiten bereits zu haben; was ein wesentliches Hindernis f√ľr eine Entwicklung der eigenen M√∂glichkeiten sei.

Vier mögliche Bewußtseinszustände: Schlaf, Halbschlaf, Selbsterinnern und objektives Bewußtsein
Die wichtigste F√§higkeit, die es Ouspensky zufolge zu entwickeln gilt, ist gleichzeitig diejenige, √ľber die sich der Mensch die meisten Illusionen macht: Das Bewu√ütsein. Bewu√ütsein ist nach Ouspensky ... ¬Ąeine besondere Art von ¬Ąinnerem Aufmerken¬ď, unabh√§ngig vom Denkproze√ü, vor allem ein Achtgeben auf sich selbst, eine Kenntnis davon, wer er ist, wo er ist, dann ein Aufmerken auf das, was er wei√ü und was er nicht wei√ü und so weiter" (ebd. S.20).
Ob der Mensch bewu√üt ist oder nicht, kann nur er selbst wissen; es ist von au√üen nicht ohne weiteres einsehbar. Zudem ist das Bewu√ütsein nicht konstant: mal ist es gr√∂√üer, mal ist es kleiner, mal ist es anwesend, mal abwesend. Qualit√§t und Quantit√§t des Bewu√ütseins variieren demnach stark. Diese Tatsache kann von jedem Menschen unmittelbar beobachtet werden. Mittels besonderer √úbungen und beim Studium des eigenen Bewu√ütseins kann die Bewu√ütseinsf√§higkeit best√§ndig gemacht und kontrolliert werden - so Ouspensky. F√ľr ihn steht fest, da√ü wir uns nur sehr selten unserer selbst wirklich bewu√üt sind. Wenn ich beispielsweise versuche, den Zeiger einer Uhr zu beobachten und mir gleichzeitig dar√ľber bewu√üt zu sein, da√ü ich es bin, die dies tut, und da√ü ich jetzt hier bin, wird mir dies nicht einmal zwei Minuten lang gelingen; sp√§testens dann verliere ich die bewu√üte Empfindung, da√ü ich da bin (ebd. S.24).

In einer genaueren Darstellung unterscheidet Ouspensky vier Bewußtseinsformen:

1. Der Schlaf.
Es ist der Zustand h√∂chster Identifikation. In diesem ist das Bewu√ütsein vollst√§ndig vom Traumgeschehen absorbiert und wir sind nicht zu aktiven bewu√üten Handlungsvollz√ľgen in der Lage. Vielmehr sind wir in dem Zustand gew√∂hnlich vollst√§ndig passiv und subjektiv.

2. Der "Wachzustand".
Dieser wird auch als Halbschlaf oder "relatives Bewußtsein" bezeichnet. Es ist dieser wenig von Bewußtsein geprägte Zustand, in welchem sich die meisten Menschen fast ununterbrochen befinden.

3. Das Bewu√ütsein seiner Selbst, das ¬ĄSelbst-erinnern¬ď.
In diesem Zustand werden wir uns selbst gegen√ľber objektiv.

4. Das objektive Bewußtsein.


√úber das objektive Bewusstsein - so betont Ouspensky ¬Ė k√∂nnen wir nichts wissen, da wir zu weit von ihm entfernt sind und die Sprache diesen jenseits aller Kategorien liegenden Zustand nicht fassen kann.
"Doch obwohl er die M√∂glichkeit hat, diese vier Bewu√ütseinszust√§nde zu kennen, lebt der Mensch tats√§chlich nur in zwei dieser Zust√§nde: Ein Teil seines Lebens spielt sich im Schlaf und der andere im sogenannten ¬ĄWachzustand¬ď ab, der sich in Wirklichkeit nur wenig vom Schlaf unterscheidet" (S. 24). Im dritten Zustand, dem Bewusstsein seiner selbst, von dem wir gemeinhin annehmen, da√ü wir in ihm leben, erleben wir manchmal bei starken Gem√ľtsbewegungen, in Augenblicken gro√üer Gefahr und selten auch dann, wenn sich nichts "Besonderes" abspielt. Da√ü wir uns gew√∂hnlich nicht selbst erinnern, k√∂nnen wir erfahren, indem wir Erinnerungen an verschiedene Situationen miteinander vergleichen und feststellen, da√ü manche Erinnerungen sehr lebendig sind (Ger√ľche, Farben, Gef√ľhle, Empfindungen und Gedanken), andere eher bla√ü erscheinen und wir von manchen Dingen nur noch wissen, da√ü sie sich ereignet haben, aber uns √ľberhaupt nicht daran erinnern k√∂nnen. Die Erinnerung scheint wie gel√∂scht zu sein; vermutlich weil das Bewu√ütsein damals derart von Tagtr√§umen und Phantasien absorbiert war, da√ü diese Ereignisse keinerlei Erinnerungsspuren im Bewu√ütsein hinterlassen konnten. Eine bewu√üte Pr√§senz des erlebenden Subjekts im Sinne des Selbst-erinnerns h√§tte dagegen sicher eine Erinnerung erzeugt.
Eine Bewu√ütheit seiner selbst im Sinne des Selbsterinnerns entsteht also zuerst meist zuf√§llig und nur kurzzeitig. Die Kontrolle dar√ľber zu erlangen und das Bewu√ütsein seiner selbst absichtlich zu erwirken, ist das Ziel des psychologischen Systems von Ouspensky. Eine weitere Voraussetzung f√ľr die Erlangung des Selbsterinnerns wie auch des objektiven Bewu√ütseins ist es, die Bedingungen zu studieren, welche das Selbsterinnern verhindern. Auch in diesem Fall betont Ouspensky, da√ü die Selbstbeobachtung das Instrument der Er-kenntnis- ist, welches durch keine andere Art des Studiums ersetzt werden kann.

Hindernisse der Bewußtseinsentwicklung

Die wichtigsten Hindernisse, die der Bewußtseinsentwicklung entgegenstehen können, sind gemäß den Beobachtungen und Erfahrungen Ouspenskys:

1. Das L√ľgen

Das L√ľgen m√∂chte er nicht im moralischen Sinne verstanden wissen - ein "absichtliches" L√ľgen ist hier nicht gemeint -, sondern L√ľge hei√üt hier ¬Ą ... von Dingen, die man nicht kennt, die man nicht kennen kann, so zu sprechen, als ob man sie kennen kann, so zu sprechen, als ob man sie kennen w√ľrde und als ob man sie kennen k√∂nnte" (ebd. S. 50).
Er weist darauf hin, da√ü bei den meisten Menschen diese Art des ¬ĄL√ľgens¬ď automatisiert abl√§uft. So wissen wir Ouspensky zufolge nichts √ľber uns selbst und wissen auch, da√ü wir nichts wissen, sondern uns lediglich Ansichten und Modelle √ľber uns selbst einbilden. "Dennoch erkennen wir diese Tatsache niemals an oder geben sie zu; wir gestehen sie noch nicht einmal uns selbst gegen√ľber ein, wir handeln, denken und sprechen, als w√ľssten wir, wer wir sind: das ist der Ursprung, der Anfang des L√ľgens" (Ouspensky 1983, S. 42).
Der Begriff "L√ľge" bezeichnet hier also einen Automatismus, der sich in erster Linie auf die Art und Weise bezieht, in der wir uns und den Umfang unseres Wissens √ľber die Welt betrachten. Schon wenn ich "Ich" sage bel√ľge ich mich selbst, denn im Halbschlafzustand gibt es in dem, was ich als ¬ĄIch¬ď bezeichne, keine Einheit und somit auch nichts Koh√§rentes, was ich mit dem Begriff ¬ĄIch¬ď bezeichnen k√∂nnte. Diese Art des L√ľgens bezeichnet Ouspensky in seinem Buch ¬ĄDer vierte Weg¬ď auch als ¬ĄErkenntnispuffer¬ď (ebd. 1983, S. 45), der dazu diene, mit unvereinbaren Widerspr√ľchen leben zu k√∂nnen.

2. Die Einbildung
Wenn ich mich selbst beobachte, bem√§chtigt sich meiner nach einiger Zeit die Einbildung und ich vergesse die Beobachtung. F√ľr die Selbstbeobachtung ist die Einbildung also keineswegs sch√∂pferisch. Deshalb erkennt ein sich selbst beobachtender Mensch, " ... da√ü er sie [die Einbildung] in keiner Weise kontrollieren kann, und da√ü sie ihn immer weit fortf√ľhrt von seinen mehr bewu√üten Entscheidungen und zwar in eine Richtung, in die er nicht gehen wollte" (Ouspensky 1988, S. 51). Das Verfallensein an diese Einbildung ist f√ľr Ouspensky der Normalzustand des nicht im Selbsterinnern befindlichen Menschen.

3. Das Ausdr√ľcken negativer Gef√ľhle
Dies ist f√ľr Ouspensky ein weiteres Hindernis bei der Bewu√ütwerdung. Negative Gef√ľhle wie etwa Selbstmitleid, Zorn, Angst, Mi√ütrauen, Eifersucht und andere sind seiner Ansicht nach nicht nur vollkommen √ľberfl√ľssig, weil sie uns nicht mit nichts Neuem verbinden und uns keine Energie einbringen, sondern sie vielmehr durch ihren Ausdruck verschwendet wird. Zudem erzeugen wir so unangenehme Illusionen, die in die Zukunft hineinprojiziert (und in ihrem Ausdruck Auto-matisierungs-prozessen unterworfen), letztlich sogar unsere psychische und k√∂rperliche Gesundheit angreifen k√∂nnen. Deshalb sollen negative Gef√ľhle nicht nur beobachtet, sondern ihrem automatischen Ausdruck aktiv Widerstand entgegengesetzt werden. Der erste Schritt dazu ist, dass man sie erkennt und aufrichtig realisiert, da√ü sie nutzlos sind (Ouspensky 1983, S. 19-23 u. S. 81-85).
Negative Gef√ľhle haben nach Ouspensky ihre Ursache ausschlie√ülich in uns selbst. Wir kreieren sie. Es gibt keine Umst√§nde, die sie erzeugen. Wenn wir etwa in einem angstvollen Zustand sind, suchen wir uns Gegenst√§nde und Menschen, vor denen wir Angst haben, mit denen wir unsere Angst identifizieren k√∂nnen. Die Ursache der Angst liegt jedoch ausschlie√ülich in uns selbst und ist daher niemals au√üen, sondern nur in unserem Inneren zu beseitigen.
Es w√§re ein Mi√üverst√§ndnis anzunehmen, Ouspensky pl√§diere f√ľr eine simple Unterdr√ľckung negativer Gef√ľhle, denn letztlich geht es um eine Verwandlung dieser Gef√ľhle.

4. √úberfl√ľssiges Reden
Nicht zuletzt werden Sebstbeobachtung und schrittweise Bewu√ütwerdung durch unn√∂tiges Reden (gemeint ist hier in erster Linie der ¬Ąinnere Monolog¬ď) beeintr√§chtigt. Denn wer permanent mit sich oder anderen redet, kommt st√§ndig von der Selbstbeobachtung ab.

5. Die Identifikation
Durch fortschreitende Selbstbeobachtung wird entdeckt, da√ü wir uns mit Wahrnehmungen, Gegenst√§nden, inneren und √§u√üeren Vorg√§ngen, mit Gef√ľhlen und Gedanken stark zu identifizieren neigen. "Die ¬āIdentifizierung¬Ď ist ein merkw√ľrdiger Zustand, in dem der Mensch mehr als die H√§lfte seines Lebens verbringt. Er ¬āidentifiziert¬Ď sich mit allem: mit dem, was er sagt, mit dem, was er wei√ü, mit dem, was er glaubt, mit seinen Begierden, mit dem, was ihm nicht erw√ľnscht ist, was ihn anzieht und was ihn abst√∂√üt. Alles saugt ihn auf, und er ist nicht f√§hig, sich von der Idee, von dem Gef√ľhl oder dem Gegenstand zu trennen, der ihn verschlingt. Dies besagt, da√ü der Mensch im Zustand der Identifizierung unf√§hig ist, den Gegenstand seiner Identifizierung unparteiisch zu betrachten¬ď (Ouspensky 1988 S. 53). Ein wesentliches Merkmal des Halbschlafzustandes, in dem sich die meisten Menschen - Ouspensky zufolge - befinden, ist in der Tendenz zur Identifikation zu sehen, die eine der bedeutendsten Ursachen ist, welche den Menschen am Erwachen hindert. Denn wenn wir identifiziert sind, k√∂nnen wir nicht beobachten; und wenn wir uns nicht beobachten k√∂nnen, f√§llt uns auch nicht auf, da√ü wir uns in dem besagten Halbwachzustand befinden. "Es ist unm√∂glich bewu√üt zu sein, wenn Sie sich identifizieren" (ebd. S. 145).
Schlussfolgernd l√§sst sich festhalten, dass L√ľge, Einbildung, Ausdruck negativer Gef√ľhle und unn√∂tiges Reden durch ihr weitgehend automatisiertes Funktionieren ein Verharren im Halbschlafzustand beg√ľnstigen, den es durch schrittweise Beobachtung und Bewu√ütmachung dieser Automatismen zu √ľberwinden gilt.

Selbsterinnern als √úberwindung des Halbschlafzustandes
Wie bereits erwähnt, ist die Erkenntnis, daß die meisten unserer Gedanken und Handlungen automatisiert ablaufen, wir weitestgehend identifiziert sind und nur in seltenen Momenten unserer selbst gewahr werden, eine erste Voraussetzung zur Entwicklung. Es stellt sich dann die Frage: Wie kann ich bewußter werden?
Dazu ist es zuerst einmal wichtig, Momente des Selbsterinnerns zu finden und sie mit anderen nicht-bewußten Zeiträumen zu vergleichen. Ein nächster Schritt wäre, sich nach einer abgeschlossenen Handlung (z.B., nachdem ich diesen Absatz gelesen habe) zu fragen: "War ich während dieser Handlung bewußt - mir also gewahr, daß ich bin und wo ich bin - oder nicht?" Was einen bewußten Moment ausmacht, kann nicht einfach beschrieben werden: Nur der Erlebende kann diesen Unterschied bei sich feststellen. Das Phänomen ähnelt einer Art geteilter Aufmerksamkeit: "Aber wenn sie zur selben Zeit, in der Sie beobachten, bewußt sind, wird die Richtung ihrer Aufmerksamkeit zwei Pfeilen ähneln, von denen der eine die Aufmerksamkeit zeigt, die auf den Gegenstand der Beobachtung gerichtet ist, und der andere auf sie selbst" (ebd. S. 123).
Wenn man erkennt, da√ü man sich gew√∂hnlich nicht selbst erinnert, kann so etwas wie Selbst-erinnerung langsam erm√∂glicht werden. "Wenn die Erkenntnis, da√ü wir uns nicht Selbst-erinnern, stetig wird, dann k√∂nnen wir uns selbst erinnern. Jeden Tag k√∂nnen sie Zeit zu der Erkenntnis finden, da√ü Sie sich nicht Selbst-erinnern; das wird Sie schrittweise zum Selbst-erinnern f√ľhren. Ich meine nicht, sich zu erinnern, da√ü sie sich nicht selbst-erinnern, sondern es zu erkennen" (ebd. S. 125). Eine √ľberaus wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Methode des Selbsterinnerns spielen die Gedanken. So sind die Gedanken bzw. die "Denkfunktion" eine der wenigen geistigen Funktionen, √ľber die wir eine gewisse Kontrolle erlangen k√∂nnen. Wenn wir die Gedanken darauf richten, uns best√§ndig daran zu erinnern, da√ü wir sind und wo wir sind, wird Selbst-erinnern m√∂glich. Wenn ich beispielsweise augenblicklich bemerke, da√ü ich mich identifiziere, kann ich mich Kraft einer Gedankenanstrengung vielleicht aus der Identifizierung l√∂sen. Allerdings ist das Verh√§ltnis von Denken und Selbsterinnern nicht einfach zu beschreiben: "Denken ist ein mechanischer Vorgang, es kann ohne oder mit sehr wenig Bewu√ütsein arbeiten. Und Bewu√ütsein kann ohne einen wahrnehmbaren Gedanken existieren" (ebd. S.130).
Demnach kann man sich im Bem√ľhen um Selbsterinnerung nicht auf die "Denkfunktionen" verlassen, da die Gefahr droht, dabei wiederum Opfer von Automatisierungsprozessen zu werden.
Deshalb besteht eine √úbung, die zu Selbsterinnerung f√ľhren kann, in dem Versuch, die st√§ndige Gedankenbildung anzuhalten. Dies ist jedoch ausge-sprochen schwierig, da nur allzu oft die Automatismen der Gedankenbildung wieder einsetzen. ¬ĄSie k√∂nnen die Gedanken anhalten, aber sie d√ľrfen nicht entt√§uscht sein, wenn es ihnen anfangs nicht gelingt ... Sie k√∂nnen sich nicht sagen: ¬ĄIch will meine Gedanken anhalten¬ď, und sie h√∂ren auf. Sie m√ľssen sich die ganze Zeit anstrengen. Deshalb d√ľrfen sie es nicht lange tun. Es reicht vollauf, wenn sie es f√ľr wenige Minuten tun, sonst werden Sie sich selbst √ľberreden, Sie t√§ten es, w√§hrend Sie einfach ruhig dasitzen und denken und sehr gl√ľcklich dar√ľber sind¬ď (Ouspensky 1991, S. 133).
Fest steht, da√ü die Entwicklung des Bewu√ütseins eine gro√üe Anstrengung erfordert. Die Voraussetzung dazu ist, da√ü ein fester Entschlu√ü gefa√üt wird, aus dem Halbschlafzustand zu erwachen. Um diesen Entschlu√ü fassen zu k√∂nnen und sich auf diesen anstrengende Weg zu begeben, ist es erforderlich, sich zu vergegenw√§rtigen, welchem Zweck diese Arbeit dienen soll. ¬ĄWenn wir Willen haben, wenn wir frei sein m√∂chten, anstatt Marionetten zu sein, wenn wir erwachen wollen, m√ľssen wir Bewu√ütsein entwickeln. Wenn wir erkennen, da√ü wir schlafen, da√ü alle Menschen schlafen, und was das bedeutet, werden dadurch alle Absurdit√§ten des Lebens gekl√§rt. Es ist ganz klar, da√ü die Menschen, wenn sie schlafen, nicht anders handeln k√∂nnen, als sie es jetzt tun¬ď (ebd. S. 131).
Ouspensky behauptet weiter, wenn wir nur einmal f√ľr etwa 15 Minuten bewu√üt w√§ren, k√∂nnten wir die Welt mit v√∂llig neuen Augen betrachten.
Nichts scheint so schwierig wie einen automatisierten Prozess als solchen zu identifizieren und zu entautomatisieren. Kaum etwas ist so schwierig wie sich aus einer Identifikation, und sei sie auch noch so winzig - wie etwa das Kleben der Aufmerksamkeit auf der Mattscheibe eines Fernsehers oder einer Kinoleinwand - dauerhaft aufzuheben. Wenn dies gelingt, dann anfangs nur f√ľr Sekunden und schon lassen wir wieder zu, da√ü das Bewu√ütsein von √§u√üeren oder inneren Geschehnissen absorbiert wird. Einen Seinszustand frei von diesen Attributen zu erlangen ist das Ziel, welches Ouspensky in Aussicht stellt.

Literaturverzeichnis

1. Ouspensky, P.D. (1983): Der vierte Weg.
Basel 1983 [orig. 1957].
2. Ouspensky, P.D. (1980): Tertium Organum.
Bern/M√ľnchen 1980 [orig. 1911].
3. Ouspensky, P.D. (1988): Die Psychologie der möglichen Evolution des Menschen. Berlin 1988 [orig. 1950].
4. Ouspensky, P.D. (1970): Ein neues Modell des Universums.
Weilheim 1970 [orig. 1931].


Links zum Thema:
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