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Schamanismus und Psychotherapie

Autor: Prof. Dr. Christian Scharfetter

Der Schamane - Das Urbild des Therapeuten
Der Schamane ist in der prĂ€sĂ€kularisierten Gesellschaft weltweit eine zentrale Gestalt mit wichtigen Funktionen. Der Schamane, die ursprĂŒngliche Heilsgestalt der Völker, der Medizinmann, ist keineswegs nur Diagnostiker und Therapeut fĂŒr bestimmte Krankheiten, sondern hat eine FĂŒlle von Aufgaben, die weit darĂŒber hinausgehen. Er ist Opferpriester und Orakeldeuter, Seher und Prophet, Magier und Schicksalskundiger. Er ist der geisterbeherrschende Seelsorger, der die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits fĂŒhren, der verirrte Ahnengeister in ihre Heimstatt zurĂŒckbringen, der von Geistern verschleppte Seelen suchen und bergen kann. Er kann auch der Zauberer und Hexenmeister sein, der JagdglĂŒck und Wetter beschwört. Er ist als Priester bei der Geburt und im Wochenbett da und weiht das Neugeborene in der Taufe. Der Schamane ist KĂŒnstler, der »erste uns faßbare schöpferische Mensch« (Lommel 1965): Er ist SĂ€nger und Dichter von Hymnen, Dramen und Gebeten, er ist Komponist, TĂ€nzer, Musiker, Schauspieler (Nioradze 1925; Lommel 1965; Findeisen 1957). Der Schamane bewahrt und lehrt die Stammestraditionen und nimmt auch politischen Einfluß auf seinen Stamm.
Als Nicht-Anthropologe muß ich mich auf Publikationen beziehen, die viel heterogene, unĂŒberprĂŒfbare und unĂŒberprĂŒfte Literatur zusammentragen. Die mir zugĂ€ngliche Originalliteratur erlaubt keine gĂŒltigen psychologisch-psychiatrischen Aussagen zur Person des Schamanen, besonders nicht ĂŒber seine von vielen hypotasierte »Krankheit«.1 Die Person geht meist völlig in den sozialen Stereotypen von diesem wichtigen FunktionstrĂ€ger unter - dies in doppeltem Sinne: einerseits verdeckt das Stereotyp die Person, andererseits mag sich das Verhalten des Schamanen auch weitgehend nach den bestimmenden Erwartungen seiner SozietĂ€t richten (s. Handelmann 1968). Diese EinschrĂ€nkung ist fĂŒr die folgenden AusfĂŒhrungen gegenwĂ€rtig zu halten, auch wenn sie nicht wiederholt angefĂŒhrt wird.
Des Schamanen diagnostische und therapeutische TĂ€tigkeit ist nur eine von vielen Funktionen, die von diesem Mittler der kosmischen Ordnung fĂŒr seine Gesellschaft geleistet wird. Daß der Schamane Einblick in den Kosmos hat, also ĂŒber die alltĂ€gliche RealitĂ€t hinaus sieht, und daß er dort wie hier wirksam werden kann, verdankt er seiner FĂ€higkeit, selbsttĂ€tig in außernormale BewußtseinszustĂ€nde einzutreten, damit aus dem alltĂ€glich-gewöhnlichen Bereich der RealitĂ€t auszutreten und in andere, kosmisch-universale Seinsschichten einzudringen, ja mehr noch: dort aktiv tĂ€tig zu werden fĂŒr die Wiederherstellung und das Bewahren der Harmonie. Damit ist des Schamanen Begabung fĂŒr paranormale Bewußtseinsweisen angesprochen. Der Schamane ist der Spezialist der Trance (Eliade 1975), der Meister der Ekstase (Eliade 1975).
Diagnose und Heilung beim Schamanisieren beruhen auf einer spiritualistisch-animistischen Krankheitstheorie. Es gibt im wesentlichen zwei Krankheitsursachen: Verlust der Seele oder das Eindringen pathogener Geister, materialisiert als entfernbare GegenstĂ€nde (Eliade 1975; Nioradze 1925). Zum Schamanisieren versetzt sich der Heiler in Ekstase und erfĂ€hrt dann die Krankheitsursachen von seinen Hilfsgeistern. Wenn die Seele verlorengegangen ist oder sich verirrt hat, so muß er sie suchen und zurĂŒckbringen, oft in weiten gefahrvollen Reisen in die Unterwelt, zu den Herren der Krankheit (Eliade 1975). HĂ€ufig kann der Medizinmann die Krankheit aber auch in einer materialisierten Form lokalisieren und dann extrahieren, zum Beispiel durch Aussaugen, durch Herausreißen in chirurgischer Magie, Entfernen aus dem Leibesinneren, durch die Haut, aus den Augen, der Stirn des Kranken. Dann kann er »die Krankheit« auch »vorweisen«: Als Stein, Haar, Feder, Blut, Fleisch, Tierdarm, Wurm, seinen eigenen Speichel.
Die Verleihung der Kraft an den Schamanen erfolgt in der Mehrzahl der FĂ€lle durch spontane Berufung (Ruf, AuserwĂ€hlung durch die Geister, eigenes inneres DrĂ€ngen), aber das Amt kann auch erblich sein. Es gibt mĂ€nnliche und weibliche Schamanen. Weibliche Schamanen gelten dabei zum Teil als weniger einflußreich auf die Geister (z.B. bei den BurjĂ€ten, vgl. Nioradze 1925). Sie können einen Teil ihrer FĂ€higkeit durch Geburten verlieren.
Der Schamane als außerhalb der ĂŒblichen Normen stehender Mensch kann aber auch die GeschlechtspolaritĂ€t ĂŒberschreiten (s. Nioradze 1925; Findeisen 1957; Eliade 1975). Bei manchen nordostasiatischen StĂ€mmen waren die mĂ€chtigsten Schamanen die mit umgewandeltem Geschlecht (bei den Tschuktschen und den Eskimos, vgl. Nioradze 1925). MĂ€nnliche Schamanen können sich manchmal wie Frauen verhalten und kleiden (Transvestismus), können auch junge MĂ€nner heiraten und in der Ehe die dienende Frauenrolle ĂŒbernehmen. Frauen können erst in der Menopause eine Geschlechtstransformation durchmachen und dann auch MĂ€dchen heiraten.
Die Unterweisung des Schamanen erfolgt in seinen Ekstasen (in seinen TrancezustÀnden), in seinen TrÀumen und in einer zum Teil Jahre wÀhrenden Schulung durch Àltere Schamanen in Kosmologie, Mythologie, Religion, spiritueller Theorie, Genealogie der Geister. Dabei lernen die Schamanen die Techniken der Ekstase und des manipulativen Umganges mit den Geistern.
Schamanen sind als privilegierte Menschen mit besonderer Begabung (Eliade 1975; Lommel 1965) oft schon frĂŒh auffĂ€llige, besondere Persönlichkeiten. Sie sind oft schon lange vor der Initiation anders als die »normalen« Menschen ihrer Gesellschaft, sie gehen nicht den gewöhnlich alltĂ€glichen Weg. Sie sind oft isoliert, sondern sich fĂŒr Wochen und Monate ab, haben manchmal schon frĂŒh (zum Teil in Zusammenhang mit Fieberkrankheiten) visionĂ€re Erlebnisse. Manche haben eine besondere Beziehung zu TrĂ€umen, haben auch prospektive TrĂ€ume und vielfach eine Begabung fĂŒr Hellsehen. Man kann den kĂŒnftigen Schamanen als paranormal begabten Menschen bezeichnen, der mit dieser Begabung natĂŒrlich außerhalb der Norm steht. Aber man darf Schamanen nicht in falscher Gleichsetzung von abnorm und krank als pathologische Persönlichkeiten schlechthin kennzeichnen. Daß solche auch vorkommen können, wird damit nicht bestritten. Auch nicht, daß es Mißbrauch, Scharlatanerie und Degeneration im Bereich des Schamanentums gibt.
Nach der Initiation sind Schamanen oft körperlich und psychisch besonders beanspruchbare Menschen von einer Â»ĂŒbernormalen Konstitution« (s. Eliade 1975; Lommel 1965). Ernste Psychopathologie schließt die BefĂ€higung zum Schamanen aus (Kleinman und Sung 1979, fĂŒr die Schamanen von Taiwan). Der Schamane muß zum Beispiel fĂŒr die Jakuten (s. Zitat bei Eliade 1975) ein ernsthafter und ĂŒberzeugender, taktvoller Mensch sein. Er dĂŒrfe sich nicht anmaßend, stolz und aufbrausend geben. Man mĂŒsse in ihm eine innere Kraft spĂŒren, die nicht erschrecke, die aber gleichwohl sich ihrer Macht bewußt sei. In mancher Hinsicht ist - muß vielleicht - der Schamane nicht nur gesund, sondern ĂŒber den Durchschnitt hinaus rage und ĂŒberlegen sein (Kai Donner, zit. bei Eliade 1975; Hahn 1978; s. auch Handelman 1968).
Der Beginn der Berufung zum Schamanen liegt meist in dem Alter der spĂ€teren PubertĂ€t bis Adoleszen Manchmal gibt es aber schon Geburtszeichen (wie zum Beispiel die Eihaut ĂŒber dem Kopf des Neugeborenen), die auf eine spĂ€tere besondere Berufung hinweisen.
Es gibt bestimmte Prodromalerscheinungen, die die Berufung zum Schamanen ankĂŒndigen: Diese Menschen ziehen sich in die Einsamkeit zurĂŒck, oft monatelang, sie meditieren viel, sie erscheinen den anderen Menschen als geistesabwesend oder wie in Trance, manchmal auch wie ohnmĂ€chtig oder lethargisch. S; haben vielfach prophetische TrĂ€ume, begegnen im Tages-Wach-Bewußtsein bedeutungsvollen Tieren; auch in außergewöhnlichen BewußtseinszustĂ€nden können sie Erscheinungen von besonderen Tieren (z. B. Totemtieren) oder von Ahnengeistern haben. Manchen widerfahren visionĂ€re Begegnungen und Bannungserlebnisse durch Perceptionen, wie sie gewöhnliche Menschen nicht in solcher Bildkraft haben (Halluzinationen).
Die eigentliche Initiation des Schamanen, die Stufen seiner Einweihung, bestehe aus drei Elementen: Der sogenannten Krankheit des Schamanen, seinen TrĂ€ume und seinen Ekstasen (s. Eliade 1975; Findeisen 1957). In den noch nicht degenerierten Formen des Schamanentums fĂŒhrt die qualvolle »Krankheit« zum Untergang durch ZerstĂŒckelung. Der Schamane wird in allen Teilen, selbst dem Skelett, zerrissen, auseinandergenommen, zerfetzt, zermalmt - und er muß alles dies, was an ihr geschieht, auch noch selbst wach beobachten. Äußerlich ist er um diese Zeit o mehrere Tage oder Wochen wie scheintot, hat Anfalle, Ekstasen, Visionen. Er erlebt dann unter seinen eigenen konvulsivischen Anstrengungen die Resynthese zu einer neuen Wesen. Neue Augen werden ihm eingesetzt (Eliade 1975). Der Initiant muss die außerhalb der gewöhnlichen RealitĂ€t liegenden SphĂ€ren kennenlernen: Er erlebt den Abstieg in die Unterwelt, wo er die MĂ€nner der großen Krankheit und de Herrn des Wahnsinns trifft und wo die Seelen verstorbener Schamanen ihn auseinandernehmen, mit neuen Organen ausstatten, zusammensetzen, schmieden, d. h. hĂ€rten (Eliade 1975). Dann folgt die Auffahrt in den Himmel, die kosmische Reise und schließlich die RĂŒckkehr zur Erde, um seine Berufung anzutreten. In TrĂ€ume und Visionen werden ihm Einsichten in seine und seiner Gesellschaft animistisch Welt gewĂ€hrt. In Ekstasen tritt er aus dem Tages-Wach-Bewußtsein aus. Krankheit Traum und Ekstase machen ihn zu einem Eingeweihten (Mystes).
Die Initiation zum Schamanen als ursprĂŒnglicher Heilsgestalt mit der destruktiven Krise, der Resynthese, der kosmischen Reise und der RĂŒckkehr zur Erde folgt einem generellen weltweiten Initiationsschema von Leiden, Tod und Auferstehung wie es auch in der christlichen Mythologie nachweisbar ist2.
Im Zentrum der schamanistischen Rituale steht die Ekstase, der Trancezustand Es ist dies ein partieller oder vorĂŒbergehend auch totaler Austritt aus dem Tages-Wach-Bewußtsein und der menschengemeinsamen RealitĂ€t. Im psychiatrisch-psychologischen Sinne ist es ein dissoziierter Zustand, weil wenigstens partiell auch noch RealitĂ€tsbewußtsein fĂŒr die mitmenschlich gemeinsame RealitĂ€t der Umgebung vorhanden ist, weil eine Beziehung zu den Umgebungspersonen möglich i s Gleichzeitig ist der Schamane offen fĂŒr die Geisterwelt, kann Geister herbeirufe! sie um Hilfe ersuchen, sie aber auch beschwören und bannen. Er ist offen fĂŒr »außerweltliche« Wahrnehmungen, submarginale und transmarginale Perceptionen (Findeisen 1957). In einem Teil der Ekstasezeit ist eine volle oder partielle Selbstkontrolle und EigenaktivitĂ€t noch möglich, auf dem Höhepunkt der Ekstase kann aber der Schamane in einen kataleptisch starren Zustand verfallen, aus dem er ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus kommt.
Das Besondere der Ekstase des Schamanen ist, daß diese ZustĂ€nde selbst induziert und selbst gesteuert sind. Darum nennt Eliade den Schamanen einen Meister der Ekstase: Er meistert den Übergang in andere Bewußtseinsbereiche. Er erzeugt die Ekstase mit verschiedenen Techniken, die grob in pharmakologische und nicht pharmakologische Methoden eingeteilt werden können. Sehr hĂ€ufig werden Halluzinogene verwendet (von Eliade (1975) wertend ein »vulgĂ€rer Ersatz« fĂŒr die reine Trance genannt). Das Wissen der Menschheit um halluzinogene Substanzen in der Pflanzenwelt ihres Lebensraumes und um verschiedene Applikationstechniken (oral, parenteral, nasal, inhalatorisch etc.) ist erstaunlich differenziert. Manche Schamanen erreichen die Ekstase durch Vorbereitung in Isolation, erschöpfende körperliche Anstrengung wie Tanzen oder Rennen, durch Hitze, durch Dursten, durch Fasten, durch Musik (vor allem die rhythmische Musik der Schamanentrommel). In manchen Gegenden (z. B. SĂŒd- und SĂŒdostasien, Nordamerika) gibt es Torturen zur Erzeugung von Ekstasen. Bei den tibetischen Orakelpriestern mag vielleicht auch eine AbschnĂŒrung der Halsvenen mit einem Stau des venösen Blutes im Kopf mit eine Rolle spielen (SchĂŒttler 1971). HĂ€ufig kommt auch eine RĂ€ucherung (Fumigation), d.h. Inhalation von Rauch, vielleicht auch mit Halluzinogenen zusammen, zur Anwendung. Andernorts wird eine Blickfixation auf einen Stein, auf die Sonne, auf das Feuer eingesetzt. VielfĂ€ltig sind die Atemtechniken, wobei fĂŒr die Ekstase oft eine Hyperventilation (in Kombination mit Fumigation) sowie dazwischen das Einschalten langer apnoischer Pausen eingesetzt werden.
Schließlich ist fĂŒr die Erzeugung der Ekstase auch zu bedenken, daß die gesamthafte LebensfĂŒhrung und funktionelle Einordnung des Schamanen in seine Gesellschaft auf die wiederholte selbstinduzierte Ekstase hin orientiert ist und daß diese sowohl in des Schamanen eigener Erwartung wie in der seiner Sozialgruppe zu seinen Aufgaben gehört. Ein einfaches schamanistisches Heilungsritual konnte der Autor in Ceylon beobachten (s. Scharfetter 1977).
In einem einfachen Ritual geht die »Austreibung« des DĂ€monen so vor sich: Auf dem Boden wird mit Reiskörnern ein Yantra, ein magisches Quadrat mit Diagonalen, ausgelegt. An den vier Eckpunkten und in dem Schnittpunkt der Diagonalen wird je eine Kokosnuß und Blumen, RĂ€ucherstĂ€bchen, Weihrauch und ein ÖllĂ€mpchen aufgelegt. In einer RĂ€ucherpfanne daneben wird Holzkohle glĂŒhend gehalten und immer wieder mit Weihrauch bestreut. Der Therapeut spricht und singt mit mantra-artigen Wiederholungen, mit weitausholenden ArmgebĂ€rden und Tanzschritten vor dem Yantra und vor dem daneben sitzenden oder liegenden Kranken. Dann setzt er sich rezitierend vor das Yantra, entnimmt seiner Hand durch Nadelstich Blut und gibt je einen Tropfen davon auf die Pole eines angewĂ€rmten HĂŒhnereis. Dieses wird dann auch eingerĂ€uchert. Nach lĂ€ngerem Singen legt sich der Therapeut auf einer Matte nieder. Unter die Matte werden zwei Querstangen geschoben. Dann wird er von Gehilfen aufgehoben und einmal um seine Achse gedreht. Dann liegt der Therapeut ausgestreckt am Boden, hĂ€lt das Ei zwischen erster und zweiter Zehe des rechten Fußes fest. Nun versetzt er sich willentlich in einen Ausnahmezustand: er keucht, ĂŒberatmet, macht Atempausen, knirscht mit den ZĂ€hnen, schĂ€umt mit dem Mund, ballt die FĂ€uste, stöhnt, inhaliert wiederholt dichte WeihrauchdĂ€mpfe (ohne dabei zu husten). Seine Augen sind fest geschlossen. Der Kopf geht zeitweise ruckartig hin und her, fast einem Beginn eines epileptischen Anfalles Ă€hnlich. Dann drĂŒckt es ihm den Kopf nach hinten, und der ganze Körper wird steif und starr. Die Gliedmaßen können nun weder vom Therapeuten selbst noch von den Umgebungspersonen mehr gebogen werden, auch nicht mit großer Kraftanstrengung. Die Pupillen sind dabei mittelweit und reagieren normal auf Licht. Die Sehnenreflexe sind nicht auslösbar, der Fußsohlenreflex mit minimaler Zehenbeugung vorhanden. Die Bauchdecken sind weich. In dieser Starre verharrt der Therapeut etwa eine halbe Stunde. LĂ€nger als 45 min darin zu verbleiben ist fĂŒr ihn gefĂ€hrlich. Er kommt nicht mehr von selbst aus dem Starrezustand heraus. Nach der angegebenen Zeit trĂ€ufelt ihm sein Gehilfe ein mit scharf riechenden Essenzen versetztes GebrĂ€u ins Gesicht und auf die Zunge. Die Atmung wird regelmĂ€ĂŸiger. Arme und Beine sind weiterhin völlig starr. Und nun machen sich vier starke MĂ€nner an die Arbeit, und ihnen gelingt es mit vieler MĂŒhe und nach langer Anstrengung, zunĂ€chst die Arme, dann die Beine des Therapeuten in Ellbogen und Knie zu beugen. Damit ist der Bann gebrochen, der Therapeut ist wieder Herr ĂŒber seine eigene Motorik, setzt sich sichtlich erschöpft auf. Er trinkt den Rest der Essenz und nimmt nun das bisher mit dem rechten Fuß gehaltene Ei in die Hand. In diesem Ei ist nun durch die Kraft des Therapeuten der DĂ€mon. In dem psychischen Ausnahmezustand, durch die Beschwörung des Singens und RĂ€ucherns vermochte der Therapeut den DĂ€mon aus dem Kranken herauszureißen und in die mittlere (in dem Diagonalenschnittpunkt gelegene) Kokosnuß zu verbannen, von dort durch BerĂŒhrung, durch RĂ€ucherung und weitere Beschwörungsformeln in das Ei. Das Ei wird nun vom Therapeuten an einer Dreiweggabelung ĂŒber den Kopf nach hinten geworfen und zerbricht. Der DĂ€mon kann entweichen.
Dies ist ein einfaches Ritual, das mit allen Vorbereitungen etwa 3-5 h in Anspruch nimmt. Bei schwer zu vertreibenden DĂ€monen aber kann sich ein solches Ritual ĂŒber mehrere Tage hinziehen. Außer dem Kranken nehmen die Familie, die Dorfbewohner, die Gehilfen des Therapeuten teil. Man kann sich vorstellen, daß dies die suggestive EindrĂŒcklichkeit solcher Maßnahmen noch verstĂ€rkt. 


Schamanismus und Psychopathologie
In der Ă€lteren Literatur ist viel die Rede von der Schamanenkrankheit. Dies geht vor allem von russischen Forschern aus, die im nordasiatischen Raum den Schamanismus studiert haben. Es sind vor allem die russischen Autoren Krivoshapkin (1861), Vatasevskij (1911), Zelenin (1936), die in teils naiver, teils anmaßender europĂ€ischer »AufgeklĂ€rtheit« den Schamanismus ĂŒberhaupt als pathologisches PhĂ€nomen erklĂ€ren wollten. Diese Autoren berufen sich auf die Bezeichnungen der Schamanen als besessen, geistesgestört, idiotisch, wahnsinnig (s. Nioradze 1925) und die allgemeine Annahme, daß die Vorbereitungszeit eine Zeit der Krankheit sei (Nioradze 1925). Ohlmarks (1939) bringt den Schamanismus mit einem völlig ĂŒberdehnten Konzept der arktischen Hysterie in Beziehung. Andere Autoren setzen den Schamanen einem Geisteskranken gleich, zumindestens einem Neurotiker, Hysteriker oder Epileptiker, s. dazu auch Ackerknecht (1943), Devereux (1957, 1961), Fabrega und Silver (1973), Hallowell (1942), Linton (1939), Myerhoff (1976), Opler (1959) und Silverman (1967). Einzelne suchten nach Parallelen im Erleben von Schamanen und Schizophrenen3. Lommel (1965) deutet den Schamanismus als ĂŒberwundene Geisteskrankheit, als Kompensation einer »ursprĂŒnglich lebensuntĂŒchtigen Veranlagung«. König (1975) fĂŒhrt diesen Gedanken sozioökonomisch interpretierend weiter aus: Der Schamane sei ein Außenseiter, der fĂŒr die Arbeit aus SchwĂ€che, KrĂ€nklichkeit oder Ungeschick nicht recht zu gebrauchen sei. In Krisenzeiten werde der fĂŒr die Arbeit Entbehrliche geopfert, um gegen die DĂ€monen eingesetzt zu werden, er werde als Blitzableiter hinausgestellt, wie im christlichen Bereich der schwĂ€chliche Bauernsohn zum Pfarrer bestimmt werde. Zu dieser dem Schamanentum wohl nicht gerecht werdenden Deutung paßt vielleicht noch am ehesten die schwĂ€chste der drei Kategorien von Schamanen, die es bei den Jakuten gibt (Nioradze 1925), nĂ€mlich eine Art primitiver Zauberer und Heiler.
Findeisen (1957), der das nordasiatische Schamanentum studiert hat, wehrt sich mit ĂŒberzeugenden GrĂŒnden vehement gegen die Tendenz, den Schamanismus als pathologisches PhĂ€nomen abzutun. Er legt anhand der Biographie und der Beschreibung der Funktionen des Schamanen dar, daß der Schamane ein besonders begabter Mensch ist, der durch diese seine besondere Begabung allerdings schon frĂŒh aus dem gewöhnlich-alltĂ€glichen Rahmen herausfĂ€llt. Findeisen (1957) sieht den Schamanismus daher als ein mediumistisch-spiritistisches PhĂ€nomen an. Nach ihm ist der Schamane ein Medium, ein fĂŒr Trance begabtes Wesen, das einen grĂ¶ĂŸeren Perceptions- und Einflußbereich als der gewöhnlich-alltĂ€gliche Mensch hat. Man könnte diese besondere Begabung und diesen besonderen Weg als paranormal bezeichnen, um das Wort abnorm zu vermeiden, das heute so leicht fĂ€lschlich gleichgesetzt wird mit psychisch gestört oder krank.
Auch Eliade (1975) stellt sich durchaus gegen die Aburteilung des Schamanismus als schlicht krankhaft. Er betont, daß der Schamane nicht einfach ein Kranker sei, sondern ein außergewöhnlicher Mensch, der sich aus einer Krise selbst geheilt habe (Eliade 1975). Er sagt dazu: »Daß diese Krankheiten fast immer in einer Beziehung mit der Berufung zum Medizinmann erscheinen, hat nichts Überraschendes an sich. Wie der Kranke, so ist auch der religiöse Mensch auf eine Lebensebene geworfen, welche ihm die fundamentalen Gegebenheiten der menschlichen Existenz enthĂŒllt, ihre Einsamkeit, ihre Unsicherheit und die Feindseligkeit der sie umgebenden Welt.«
Wir können festhalten: Der Schamane ist gerade dadurch charakterisiert, daß er in der Initiation die eigene destruktive Krise im synthetisch-konstruktiven Sinn ĂŒberwinden konnte. Der Schamane ist durch seine schöpferische Begabung (Lommel 1974) fĂ€hig, selbst den Heilungsvorgang einzuleiten, ihm gelingt die SelbstĂŒberwindung der Krankheit, er meistert die Anfalle und ihre Ursache. Die Selbstheilung ist die Initiation fĂŒr die Fremdheilung. Das Überwinden der eigenen Desintegration, der Gewinn der Resynthese weihen ihn zum Heiler, legitimieren ihn als Medizinmann. Die eigene desintegrative Krise macht ihn zum Kenner der Krankheitsgeister, zum Beherrscher der Ekstase. Die Selbstheilung macht ihn zum Therapeuten. Daß Menschen mit solch außergewöhnlicher Begabung auch außergewöhnliche Lebenswege gehen, ist selbstverstĂ€ndlich. So muß der Schamane trotz und gerade wegen seiner wichtigen vielfĂ€ltigen Funktionen in seiner Gesellschaft als ein Einzelner seinen Sonderweg gehen. Darum sagt der Eskimo-Schamane Najagneq zu Rasmussen (Eingangszitat bei Lommel 1965): »In der Zeit unserer VorvĂ€ter waren die Geisterbeschwörer einsame MĂ€nner ... Sie opferten sich um des Gleichgewichts im Universum willen: um unermeßlich, unergrĂŒndlich großer Dinge willen.« Ins Geheimnis der Menschenwelt, die nur ein Teil des unfaßbaren Einen ist, ins Geheimnis Eingeweihte (Mysten) gibt es immer nur wenige. Aber daß sie als exemplarische Gestalten des Menschseins da sind, ist wichtig. Sie reprĂ€sentieren die Weisheit. So sagte der Eskimo-Schamane Igjugarjuk zu Rasmussen (s. Schlußzitat bei Lommel 1965): »Alle wahre Weisheit findet man nur fern von den Menschen, draußen in der großen Einsamkeit, und sie kann nur erlangt werden durch Leiden. Entbehrungen und Leiden sind das einzige, was den Sinn eines Menschen fĂŒr das öffnen kann, was den anderen verborgen ist4.«
  
Schamanisieren und Psychotherapie
Die Frage nach Gemeinsamkeiten unserer heutigen Psychotherapie mit dem Schamanismus, der Ausbildung zum Psychoanalytiker in der Lehranalyse mit der Initiation zum Schamanen wird davon ausgehen mĂŒssen, was denn ĂŒberhaupt beim Schamanisieren in einem Heilungssuchenden und im Heiler wirke. Es ist naheliegend, die Heilwirkung mit Suggestion zu erklĂ€ren. Schmidbauer (1969) sieht die Suggestion als einzigen gemeinsamen Nenner der einzelnen schamanischen Heilverfahren. Aber was ist mit der EinfĂŒhrung des Terminus Suggestion erklĂ€rt? Daß durch seelische Einflußnahme seelische und somatische Umstellungen mannigfacher Art möglich sind, weiß man aus Glaubensheilungen und aus Hypnosewirkungen. Im heilenden Glauben, in der Hypnose, in der Suggestion werden offenbar KrĂ€fte geweckt und Möglichkeiten psychophysischer Umschaltungen aufgetan, die sonst brachliegen. Ein Blick auf die Volksmedizin, die Medizin der Naturvölker (s. Kiev und Frank 1964) zeigt, wie der Heiler ein Mittler zwischen dem Patienten und seiner Gesellschaft durch dessen Einbettung in die ĂŒberindividuelle Ordnung ist. Der Therapeut weckt im Kranken HeilkrĂ€fte der GefĂŒhle und Einstellungen, Zuversicht, Hoffnung, Glauben mittels der AutoritĂ€t seines Status in der Gesellschaft. Der Medizinmann weiß um die therapeutisch-rekonstruktive Macht von Symbol, Ritual und Glaube. Damit bereitet er die Rehabilitation vor: Die Überwindung der Selbstentwertung durch Hilflosigkeit und AbhĂ€ngigkeit in der Krankheit.
Doch fragen wir weiter: Zeigt die Morphologie des Psychotherapeuten Ähnlichkeiten mit der schamanischen Struktur? Wenn viele Therapeuten »unbewußt« ihre eigenen Konflikte und Verhaltensschwierigkeiten ĂŒberwinden möchten, indem sie Heiler werden, wenn dies ein wichtiges Motiv fĂŒr das Durchstehen der Lehranalyse sein kann, fĂŒr den Abstieg ins eigene Unbewußte, fĂŒr die Rekonstruktion der eigenen traumatisierenden Geschichte, fĂŒr den Erwerb einer gewandelten, neuen IdentitĂ€t des Analysierten, der die eigene Bedrohung in Neurose, vielleicht gar Psychose ĂŒberwunden hat, so bietet sich tatsĂ€chlich der Vergleich mit prodromaler Krise, ZerstĂŒckelungserlebnis, Rekonstruktion und Neugeburt in der Initiation des Schamanen an. Der Analytiker hilft das persönlich Unbewußte zu erkennen, der Schamane hingegen fugt seinen Kranken in eine ĂŒberindividuelle Ordnung universal-kosmischer Art ein. Der Schamane stellt fĂŒr seinen Patienten, der durch den Einbruch kosmischer Disharmonie erkrankt ist, die Ordnung der SeinssphĂ€ren wieder her. Das macht seinen Patienten gesund. Dieser Einfluß allerdings geht weit ĂŒber die Wirkungsmöglichkeit eines Analytikers hinaus.
Levi-Strauss (1967) nennt die Psychoanalyse die moderne Form der schamanischen Technik. Die Übertragung zum Analytiker wird verglichen mit der Identifikation des Kranken mit seinem schamanischen Heiler. Der Schamane erklĂ€rt dem Kranken seine symbolische Krankheitsinterpretation, macht sie also bewußt. Diese Erfahrung kann psychosomatisch heilend wirken. Indem Levi-Strauss das Freud'sche Unbewußte, das vom Analytiker ĂŒberschaubar gemacht wird, als Komposition von allgemeinmenschlichen Strukturen konzipiert, gelingt ihm eine Parallele zu der Ordnungsvermittlung eines Ekstasepriesters.
Eben diese ĂŒberindividuell-kosmische Harmonisierung stellt Schmidbauer (1969) in Beziehung zu Jungs Individuationsprozeß, der die Integration auch des kollektiv Unbewußten in der Lehranalyse anzielt. Das Eintauchen ins Unbewußte ist Voraussetzung fĂŒr die Wandlung, die Wiedergeburt. Lehranalyse und Schamanenausbildung verbreitern die KontaktflĂ€che zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, die Psychoanalyse mit dem Ziel, daß aus Es Ich werde, das Schamanisieren, indem es das persönliche Leiden in der Krankheit zu »Es« werden lĂ€ĂŸt, allerdings in einem anderen Es-Konzept: Es im Sinne eines universal-kosmischen ĂŒberindividuellen OrdnungsgefĂŒges, in dem der einzelne Mensch nur ein winziger Partikel ist (s. Schmidbauer 1969). In diesem Sinne »einer StĂ€rkung der kollektiven Psyche« durch »Aktivierung der unbewußten KrĂ€fte« deutet auch Lommel (1965) die Wirkung der schamanischen Trance.
FĂŒr uns heute, die wir in der Profanisierung und professionellen Spezialisierung nur mehr Schwundstufen einstigen Schamanentums vorfinden, tauchen da Fragen auf, die wir freilich nicht beantworten können: Was wird in unserer Gesellschaft aus Menschen mit einer solchen paranormalen Begabung? Finden sie ihre Nischen in der Gesellschaft, in der sie integriert bleiben können, in sich selbst und mit ihrer Umwelt, in der sie ihre Begabung auch als FĂ€higkeit fĂŒr andere zum Austrag bringen können? Sind das heute vielleicht die »guten« Ärzte, die »begabten« Psychotherapeuten? Der gute Psychotherapeut muß die eigene und seines Patienten Psychopathologie ĂŒberschreiten können, sonst bleibt die Entwicklung des Patienten im Prozess der Therapie, in der Faszination durch die Pathologie und in der »Bewertung« ihrer Interpretation stecken. Sind Hypnotiseure, Handaufleger, Chiromanten, Astrologen, Urinbeschauer, Irisdiagnostiker und KrĂ€uterheiler die Reste archaischen Schamanentums? Sind uns nicht eine Reihe von den Heilmöglichkeiten der Schamanen in der Technisierung verlorengegangen, selbst der Psychotherapie? Können wir den kranken Menschen in einer ĂŒberwĂ€ltigenden Weise so in seinem Bewußtsein bewegen, daß in seiner psychophysischen Einheit mĂ€chtige HeilkrĂ€fte geweckt werden? Innerhalb der Christenheit versucht die charismatische Bewegung auf die ursprĂŒngliche Heilsbedeutung des Glaubens zurĂŒckzukommen, auf die HeilkrĂ€fte, die von einer glĂ€ubigen Ergriffenheit kommen.
UnterdrĂŒckt unsere rationalistische Leistungsgesellschaft wesentliche Teile menschenmöglicher Erfahrung (wie Laing 1969 meinte) und damit auch solche paranormalen Begabungen? Darf eine solche Begabung straflos unterdrĂŒckt, beiseite gedrĂ€ngt werden, verkĂŒmmert sie einfach still oder könnten solche Menschen vielleicht in ein von uns heute als krank bezeichnetes Lebensgeleise kommen? Der fĂŒr das Schamanentum begabte und dafĂŒr initiierte Mensch muß schamanisieren, so lauten die Berichte (s. Eliade 1975), sonst werde er krank, sterbe gar. Es ist ein Prozeß der fortgesetzten Selbstheilung, die die schamanische therapeutische BefĂ€higung unterhĂ€lt. Der zum Schamanen Berufene muß die Stufen der Einweihung gehen. Wer zum Medium, zum Vermittler der verschiedenen Seinsschichten, in die der Mensch eingebettet ist, aufgerufen ist, darf sich dem nicht entziehen. Der Weg des Eingeweihten ist einsam, entbehrungsreich, leidvoll. Warum sind von den vielen Menschen, deren Geister sich regen, nur wenige zum Schamanen berufen? Die Frage bleibt unbeantwortet (Eliade 1975). Auch hier gilt: »Viele sind gerufen, wenige aber auserwĂ€hlt« (MatthĂ€us-Evangelium, Kapitel 22, Vers 14).